Michael WamS Artiel

Schatzjagd mit Satellitenhilfe

von Sebastian Bertram

Ein neues Freizeitvergnügen begeistert immer mehr Hamburger: Mit modernen Navigationsgeräten durchstreifen sie die Stadt – auf der Suche nach kleinen Plastikdosen oder Kisten, die sich in geheimen Verstecken befinden

„Hoffentlich guckt kein Geomuggel zu“, sagt Michael Zielinski und schaut sich um – keiner darf ihn dabei beobachten, wie er das kleine Filmdöschen wieder in seinem Versteck an der Mauer der Nikolaikirche verschwinden lässt. Zielinski ist ein so genannter Geocacher, der mit einem GPS-Empfänger in seiner Freizeit auf satellitengestützte Schnitzeljagd geht. Neugierige „Geomuggel“ – also Menschen, die mit dem Hobby nicht vertraut sind – könnten dabei schnell zu Spielverderbern werden.

„Es gibt Verstecke in der Stadt, die sollte man lieber nur früh morgens oder spät abends aufspüren“, sagt Zielinski. „Sonst ist die Gefahr zu groß, dass Passanten sie auffliegen lassen.“ Das englische „cache“ bedeutet nämlich so viel wie „geheimes Lager“. Diese zu finden, soll allein den mit GPS ausgestatteten Schatzsuchern vorbehalten bleiben. Denn sobald ein Geocacher das zu suchende Plastikdöschen oder Kistchen versteckt hat, gibt er die Koordinaten des Lagers auf einer einschlägigen Internetseite ein. Die Mitspieler müssen mit den Daten nur noch ihr GPS-Gerät füttern – und schon kann die Jagd nach dem Schatz beginnen.

Kniffeliger wird es für sie, wenn die genauen Koordinaten erst über das Lösen eines oder mehrerer Rätsel herauszubekommen sind. Zuweilen bedarf es gleich mehrerer Stationen, um den gesuchten Ort ausfindig zu machen. Ist ein Geocache aufgestöbert, trägt sich der Finder mit Name, Datum und Uhrzeit in ein Logbuch, das sich in dem versteckten Behältnis befindet. Ein Ritual unter Geocachern ist es oftmals, kleine Gegenstände – etwa Schlüsselanhänger – in ihnen zu hinterlassen, um sie untereinander zu tauschen.

„Für mich ist beim Geocachen immer der Weg das Ziel“, sagt Michael Zielinski, der mit mehr als 5430 gefundenen Verstecken der dritterfolgreichste Geocacher Deutschlands ist. „Ich gelange auf diese Weise an Orte, die ich sonst nicht zu Gesicht bekommen würde.“ Zudem lerne man bei der Suche auch viel über die Umgebung der gesuchten Plätze – denn zur Lösung der Rätsel müssen oft Fragen zur Geschichte von Bauwerken oder Landschaften beantwortet werden.

Der 36-jährige IT-Spezialist Zielinski, der auch selbst gern Geocaches an geheimen Stellen platziert, hat in Hamburg bereits mehr als 600 „Schätze“ gehoben. Sie lagern unter Brücken, an Geländern und Häuserwänden – sogar in einem Paternoster. Häufig führt die High-Tech-Schnitzeljagd auch in die freie Natur. Im Niendorfer Gehege etwa gibt es ein Versteck auf einem Baum, an das die Suchenden nur mit Kletterausrüstung gelangen. Für das Aufspüren eines Caches am Elbstrand benötigt der Schatzsucher eine Schaufel – vorausgesetzt es ist gerade keine Flut.

Die Hansestadt gilt als Hochburg der deutschen Geocaching-Gemeinde. Rund 100 Hamburger streifen regelmäßig mit ihren GPS-Empfängern durch die Stadt. Die meisten von ihnen gehören dem „Hanseatic Caching Team“ an, deren Mitglieder sich einmal monatlich zum Erfahrungsaustausch treffen. „Es sind die unterschiedlichsten Leute dabei“, sagt Zielinski. „Manche von ihnen können gerade mal die Tasten des GPS-Geräts bedienen, andere sind richtige Technikfreaks.“

Vor fünf Jahren hat Zielinksi über das Radfahren zu seinem Hobby gefunden. Das GPS-Gerät sollte zunächst nur die Karte ersetzen – dann stieß er im Internet auf die Möglichkeit des Geocachings. „Mittlerweile gehe ich nicht mehr ohne Empfänger aus dem Haus. Schon auf dem Weg zur Arbeit halte ich Ausschau nach geeigneten Versteckmöglichkeiten.“ Und auch im Urlaub darf der Satellitenkontakt nicht fehlen: Mit seiner Freundin, die ebenfalls begeisterte Schnitzeljägerin ist, erklomm er auf der Suche nach einem Geocache schon mal einen Berg auf den Kanaren.

Der Einsatz, den Geocacher für ihr Hobby an den Tag legen, ist unterschiedlich hoch. Sowohl beim Suchen als auch Verstecken. Einige Mitglieder der Schatzsuchgemeinde platzieren gar falsche Gullideckel, in denen sie die Caches verstauen. Andere verstecken das Plastikdöschen mit dem Logbuch in einem Schilderrohr, aus dem es über einen Nylonfaden erst herausgezogen werden muss. In der Nähe des Rödingsmarkts haftet ein winziges, mit einem Magneten versehenes Metalldöschen an der Rückseite eines Brückengeländers.

„Es gelingt immer wieder, jemanden zu überraschen“, sagt Zielinski. Er hat keine Angst davor, dass immer mehr Menschen seinem Hobby verfallen. „Zwar besteht bei Ex-Geomuggeln anfangs die Gefahr langweiliger Verstecke. Aber je mehr mitmachen, desto größer ist der Spaß.“

Bild und Artikel wurden mir freundlicherweise zur verfügung gestellt. Original ist er in der Welt am Sonntag erschienen.
Foto: Bertold Fabricius

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